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Lernen lernen

Lebenslanges Lernen: Leicht gesagt, schwer zu tun

Diese Blamage, diese Peinlichkeit. Man steht da und hat keine Ahnung. Und alle rund um einen herum wissen Bescheid. Und lassen es auch noch richtig raushängen. – Und solche Situationen werden immer häufiger. Denn Nicht-wissen ist heute eher der Normalzustand. Denn unser Wissen explodiert.

Dank immer schnellerer Prozessoren, immer größerer Vernetzung, immer mehr Daten-Produzenten verdoppelt sich die Menge der Informationen in dieser Welt alle 18 Monate. Tendenz steigend. Da kann keiner mehr mithalten. Unser Wissen, also das, was wir aus der Unmenge der Informationen herausdestillieren, wächst auch, aber es verdoppelt sich nur alle zwei Jahre, alle 24 Monate.

Entwertetes Wissen

Und weil beide Steigerungsraten exponentiell sind, also immer schneller zunehmen, wird die Lücke zwischen der Menge der Informationen und unserem Wissen immer größer. Wir kommen also der Informationsflut nicht mehr hinterher. Und es wird immer schlimmer. So gesehen ist Nicht-wissen eher normal. Aber peinlich ist es trotzdem.

 

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Wir haben nämlich grandiose Schwierigkeiten, mit dem Wissenszuwachs von 100 Prozent alle zwei Jahre irgendwie mitzuhalten. Denn das neue Wissen entwertet oder widerlegt gar Wissen von früher. Und es entstehen immer neues Know how, ganz neue Fachrichtungen – und ganz neue Bereiche, in die wir uns irgendwie reinarbeiten müssten, wollen wir die Peinlichkeit von Nicht-wissen vermeiden.

Lernen ist nicht pauken

„Lebenslanges Lernen“ ist das Schlagwort. Wir können uns nicht mehr auf erworbenem Wissen ausruhen, wir müssen unser Leben lang Neues lernen. Und zwar immer schneller und immer heftiger. Auch wenn unser Gehirn nicht mehr recht will oder kann.

„Lebenslanges Lernen“ sagt sich schnell so dahin. Klingt ja erst mal gut. Ist aber schwer umzusetzen. Denn lernen will gelernt werden. Und kaum einer hat es gelernt. In Schulen und Universitäten ist das eher nicht Lerninhalt. Dort werden vorzugsweise Fakten, Formeln und Inhalte eingepaukt, denn nur das kann man abfragen und benoten. Die Qualität von Lernfähigkeit ist aber leider eher nicht prüfbar.

Lernen ist halt nicht so leicht, wenn es nicht um pauken von Faktenwissen geht. Wenn es um neue Techniken geht, um neue soziale Fähigkeiten, um neue Zusammenhänge, dann heißt es meist erst mal Abschied nehmen von gewohnten Denk- und Verhaltensmustern. Dann heißt es zunächst: entlernen. Und das fällt meist schwer, hat man es sich doch in feinen Gedankengebäuden gemütlich gemacht.

Nicht wissen ist eine Kränkung

Und jedes neue Lernen fängt eigentlich stets mit einer veritablen Kränkung an. Wem kann es schon gefallen, sich – und schlimmer: anderen – einzugestehen, dass er etwas nicht weiß. Dass er blank dasteht und von Neuem anfangen muss. Vielleicht braucht man dann sogar noch Hilfe von anderen. Peinlich, kränkend.

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Es passieren uns eigentlich im wöchentlichen Abstand solche unangenehmen Situationen. Jede neue Software, jede neue Softwareversion, jedes neue digitale Gerät ist eigentlich eine Kränkung. Man steht erst mal hilflos davor. Und nur selten ist alles so intuitiv gestaltet, dass man es wie von selbst lernt.

Fluch der Perfektion

Glücklich wer nicht zu stolz ist, sich helfen zu lassen. Hilfreich auch, wenn man eine spielerische Seite hat und einfach mal rumprobiert. Hart haben es Perfektionisten. Sie plagen sich mit kryptischen Betriebsanleitungen herum und wollen im schlimmsten Fall immer den „richtigen“ Weg finden. „Richtig“ gibt es schon lange nicht mehr, Hauptsache es funktioniert. Im Digitalen darf jeder seinen eigenen Weg finden.

Aber ist so etwas „Lernen“? Eher nicht. Daher: Lernen lernen. Es geht um die Geschicklichkeit mit Unbekanntem möglichst schnell irgendwie zurecht zu kommen. Es geht um die psychische Robustheit, die Kränkungen von Schwierigkeiten und Fehlern auszuhalten und sich im besten Fall einfach über sich selbst lustig machen zu können.

Neugier ist keine Gier

Keiner ist als Genie geboren. Vielleicht gab es früher mal so etwas. Wahrscheinlich war das aber schon einst einfach ein geschickter Bluff, scheinbar alles zu wissen und zu können. Heute haben Genies längst ausgedient. Es gibt Fachleute, die sich in bestimmten Gebieten unglaublich gut auskennen und dort schnell und intuitiv Neues lernen und schaffen. Aber auch die sind in fachfremden Gebieten dann schnell am Ende.

Glücklich, wer von Haus aus neugierig ist. Der fühlt sich gar nicht gekränkt, wenn etwas Neues auf ihn zukommt. Der freut sich einfach nur, etwas Unbekanntes kennenlernen und ausprobieren zu können. Schade, dass der Begriff, Neues mit Freude in Angriff zu nehmen, in der deutschen Sprache so negativ besetzt ist: Neugier. Gier ist nun mal nicht positiv.

Wie schön haben sie es im englischsprachigen Raum. „Curious“ heißt merkwürdig, ungewohnt, eigenartig, aber eben auch neugierig. Man will also Dinge, die nicht der Gewohnheit entsprechen, kennenlernen. Das ist der richtige Ansatz: anschauen, ausprobieren, verstehen, können – und dann entscheiden, ob es brauchbar ist oder nicht.

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